Alltag: Rassismus

Kürzlich sorgte ein Bericht über eine Gruppe von SchülerInnen, die in Bad Hall rassistisch beschimpft wurden, für Aufregung im Netz. Daraufhin habe ich mit einem ihrer Lehrer über den Vorfall gesprochen und die Geschichte in der Tageszeitung „Heute“ veröffentlicht. Die Situation war folgende: Zwei Wochen vor Schulbeginn betreuten acht PädagogInnen 64 Kinder in der Sommerschule in Bad Hall. Die Teilnahme war freiwillig. Viele SchülerInnen mit Migrationshintergrund, aber auch autochthone ÖsterreicherInnen waren dabei. Um die Theorie in die Praxis umzusetzen, gingen die PädagogInnen mit ihren SchülerInnen auf den Bad Haller Hauptplatz. Doch was eigentlich ein spaßiger und lehrreicher Ausflug sein sollte, wurde für die Schulklasse zum Horrortrip. Statt Antworten gab es für die motivierten 6- bis 16-Jährigen plötzlich Anfeindungen. „Gsindl!“ und „schleichts euch!“ waren noch die harmlosesten Ausdrücke, die verwendet wurden. Die SchülerInnen waren am Boden zerstört, ihre LehrerInnen mussten mit ihnen drei Tage lang die traumatischen Erfahrungen aufarbeiten.

Nun wurde im Netz heftig darüber diskutiert, wie so etwas passieren kann, denn so ist Österreich ja nicht. Und genau da liegen wir falsch. Denn doch, so ist Österreich. Und das schon lange. Ich weiß, ich weiß, jetzt kommt wieder das undankbare Migrantenkind ums Eck und beißt die Hand, die sie füttert. Spart euch die Kommentare, die höre ich seit der Volksschule, vielleicht gab es sie auch schon im Kindergarten und ich habe sie einfach nicht verstanden. Euer Rassismus ist also nichts Neues und genau da liegt das Problem. Der Lehrer, mit dem ich gesprochen habe – er hatte keinen Migrationshintergrund – hat mir erzählt, dass es ihn nicht schockiert, dass SchülerInnen mit Migrationshintergrund angefeindet wurden. Was ihn entsetzt hat, war, dass sogar Sechsjährige wüst beschimpft wurden. SECHSJÄHRIGE.

In meiner Schulzeit habe ich so oft „Geh doch zurück in deine Heimat“ und „Scheiß Ausländer“ gehört, dass es mittlerweile vollkommen an mir abprallt. Was mich aber rasend vor Wut macht, ist, dass 20 Jahre später noch immer so mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, gesprochen wird und sich Leute über soziale Medien ganz verwundert fragen, wie das denn sein kann. Echt jetzt? Bad Hall ist kein Einzelfall. Hört auf zu diskutieren, ob Menschen mit Migrationshintergrund wirklich im Alltag rassistisch angefeindet werden. Ja, werden sie. Punkt.

Mein Name wird heute noch falsch geschrieben und ausgesprochen. Ich muss mir heute noch anhören, ich soll mich aus Österreich schleichen. Wenn ich einen Besichtigungstermin für eine Wohnung ausmache, beschleicht mich noch immer ein mulmiges Gefühl. Denn vor ein paar Jahren, als ich noch studierte, war ich mit einer meiner Freundinnen auf Wohnungssuche. Sie, autochthone Österreicherin, hat den Besichtigungstermin ausgemacht. Wir standen also mit dem Makler in der Wohnung, hätten diese auch fast genommen, bis er sagte: „Übrigens wohnen hier nur Akademiker und wir sind ein komplett ausländerfreies Haus.“ Er wusste nur den Namen von meiner Freundin und ihrer Mutter, die einen Doktortitel hat. Nach der Aussage des Maklers fühlte ich mich so, als ob mir jemand in den Magen geboxt hätte. Ich war unfähig, etwas zu sagen. Meine Freundin konterte sofort: „Danke, wir wollen nicht mit Rassisten im selben Haus wohnen“. Wir verließen ohne ein weiteres Wort die Wohnung.

Wie der Pädagoge aus Bad Hall, möchte auch ich an autochthonen Österreicher appellieren, die Augen aufzumachen. Rassismus und Mikroaggressionen sind für Menschen mit Migrationshintergrund Alltag. Und, liebe PolitikerInnen, daran ändert auch die österreichische Staatsbürgerschaft nichts. Meine Familie hat die österreichische Staatsbürgerschaft und Überraschung: Sie zaubert Rassismus nicht weg. Indem man eine andere Staatsbürgerschaft annimmt, gibt man ein Stück seiner Identität ab. Und trotzdem wird man in Österreich nicht als ÖsterreicherIn gesehen.

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